Sonntag, 18. März 2012

Zuggedanken 1:

Der ICE rast mit 205 km/h Richtung Berlin. Die Landschaft wird immer flacher, man sieht kaum noch Berge. Dort, wo ich normaler Weise wohne, sieht man nur Berge. Die Weite hier haut mich immer wieder aufs Neue um. Man kann viele Kilometer weit schauen. Sieht Wälder und Felder schon von weitem, der Horizont war schon lange nicht mehr so weit weg.
Höfe und Gestüte ziehen vorbei, ab und an läuft jemand an mir vorbei. Dann zieht ein kalter Luftzug an mir vorbei. One Republic singt mir ins Ohr, man hört leicht das Rattern der Zugräder. Die Frau mir gegenüber schaut schon seit 3 Stunden aus dem Fenster. Der Typ zwei Reihen weiter isst etwas und schaut mich immer wieder an.
Mein Bio Buch habe ich wieder weggepackt. Konzentrieren kann ich mich zwar, aber es kommt mir so unnötig vor. Der Typ, der hinter mir sitzt scheint zu lernen. Ich mache mir selber Vorwürfe, dass ich nicht lerne, und dass er da sitzt und ich vorhin ganz dreist mein Zeug wieder weg gepackt hab. –Obwohl ich offensichtlich noch nicht fertig war.
Der Typ, der mir über den Gang gegenüber sitzt, ist eingeschlafen. Er hat einen Laptop auf dem Schoß, aus seiner Hosentasche schaut sein iPhone. Ohrstöpsel hat er auch im Ohr, sein Mund ist leicht geöffnet. Ab und zu, wenn der Zug in eine Kurve fährt, fällt sein Kopf von der linken auf die rechte Seite. Er scheint es nicht zu merken. Oder wenn, dann ist es ihm egal. Er hat tiefe Augenringe, irgendwie erkenne ich mich in ihm wieder. Er sieht so fertig und doch so zufrieden aus. Typ, fertiger Geschäftsmann, der übers Wochenende zu seiner Familie fährt. Oder so. Sein offener Mund ist leicht zu einem Lächeln gebogen. Es sieht nach Vorfreue aus. Er sieht aus, wie ein kleines Kind. Er weiß nicht, wer ihn anschaut, er fühlt sich nicht beobachtet, er schläft einfach. Plötzlich zuckt er zusammen, öffnet ungewöhnlich schnell seine Augen, tastet seine Taschen ab, scheint gefunden zu haben, was er sucht und greift nach einem kleinen Mikro an seinen Ohrstöpseln. „ja?!“, fragt er. Ich höre es über den Gang hin weg, dass auf der anderen Seite der Leitung ein Mann ist, der absolut nicht gut gelaunt ist.
Die nächsten 20 Minuten darf ich mithören, wie der Mann etwas von Haushaltsplänen, Finanzen, Aktien, Prozentzahlen, Profit und Verlusten erklärt. Er wirkt plötzlich gar nicht mehr zufrieden. Nein viel mehr genervt, als würde nichts ohne ihn gehen. Er scheint sich wichtig zu fühlen, und der leidende Gesichtsausdruck macht ihn noch wichtiger. Bildet er sich zumindest ein. Er verabschiedet sich mit einem „schönes Wochenende“ von seinem Gesprächstpartner. Was ein Witz, es ist Samstag Mittag. Das Wochenende ist fast schon wieder vorbei. Als er aufgelegt hat, sieht er keineswegs mehr zufrieden aus. Er verzieht schmerzhaft sein Gesicht und beginnt wieder etwas in sein Laptop zu tippen. Als er ihn wieder zuklappt, sieht er auf. Seine Augenringe sind noch Tiefer als vorhin, er lehnt sich zurück, doch man sieht, dass er nicht schläft. Um seinen Mund ist ein harter, angespannter Zug. Er hat nichts kindliches mehr. Er hat vielmehr etwas… vermissendes.
Cause at the end we’re all children, who grew up way too fast.

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