Montag, 11. Juni 2012


Der Flughafen liegt direkt am Meer. Ich war erst einmal auf einem Flughafen, von dem man eine so schöne Aussicht hat. Wenn der Pilot nicht aufpasst, dann landet das Flugzeug im Wasser. –ob das wohl schon mal passiert ist?
Wir sitzen draußen, auf unseren Koffern. Mein Bruder hat die „Happy Cherrys“ aus seinem Handgepäck gepackt, die Sonne brennt vom Himmel und ich bin froh, dass ich meine Hotpants noch angelassen habe. Der Wind zerrt an meinen Haaren und ich kann meinen Haargummi nicht finden.
Zum Einchecken ist es noch zu früh, im Hotel mussten wir schon auschecken. Alle paar Sekunden geht eine Schiebetür auf und dann wieder zu. Sie spuckt übermüdete Familienväter, abgearbeitet Manager, heulende Kinder, lächelnde Pärchen aus. Jeder ganz mit sich und der neuen Umgebung beschäftigt. Die Manager noch am Smartphone (oder schon wieder?) um die letzten Termine zu bestätigen und Mails zu checken. Vielleicht auch um jemandem bescheid zu sagen, dass man gut angekommen ist.
Die Familienväter damit beschäftigt, ihre weinenden Kinder zu trösten und die großen Geschwister davon abzuhalten, das andere Geschwister noch mehr zu ärgern. Gleichzeitig noch den Kinderwagen schieben und den richtigen Bus suchen –man sieht, sie sind sichtlich überfordert, während die Dame der Schöpfung entspannt dem Kleinsten ein Fläschchen gibt, die Große an der Hand hat und außerdem noch einen Koffer hinter sich her zieht.
Pärchen, die zufrieden neben einander her laufen, sie damit beschäftigt, in ihren Winterklamotten nicht zu schwitzen und gleichzeitig ihm noch zu sagen, wie sehr sie sich auf den gemeinsamen Urlaub freut, er im Gedanken noch in dem Artikel, den er zuletzt in der „Times“ gelesen hat und nur müde nickend. (Ob er sich genauso freut?)
Immerwieder fahren Taxis, große Reisebusse, Minibusse oder Transporter vor und entlassen Gruppen von Menschen. Braun gebrannt, lachend, und noch in Urlaubsstimmung. Ein bisschen Sand im Haar, noch die letzten Spuren von Sonnenmilch im Gesicht, In Strandkleidern, Hotpants, mit Sonnenbrillen, Hüten und diesem Gesichtsausdruck, den nur Leute haben, die die letzten 2 Wochen keinen Computer gesehen haben, keinen Wecker gehört haben und außerdem sich um nichts kümmern mussten. Die selben abgespannten Familien, die jetzt in perfekter Idylle zu leben scheinen, die selben Manager dieses mal ohne Smartphone sondern lieber mit Sandwich, Pärchen noch genau so fröhlich lächelnd oder 2 Meter hintereinander laufend. Mütter mit ihren Söhnen, diskutierend, lachend, rennend, Väter mit ihren Töchtern, auf dem Arm, Witze machend, sich anschauend, sich auf etwas aufmerksam machend, Familien, die sich zu verstehen scheinen.
Doch, was haben sie für eine Geschichte? Freut sich der Familienvater auf seine Arbeit, wo er sich um keine kleinen Kinder mehr kümmern muss? Freuen sich die Damen der Schöpfung auf ihren Lover zuhause? Oder sind sie alle glücklich, weil die Familie auf seltsame Weise wieder zusammen gewachsen ist? Die Paare, die gemeinsam Urlaub verbringen möchten, wollen sie heiraten? Wartet sie schon heimlich auf einen Antrag? Ist es für ihn die letzte Chance, um die Beziehung wieder zusammen zu flicken? Ist die Tochter neben ihrem Vater froh, endlich von zuhause wegzukommen, oder würde sie am liebsten wieder nach hause? In ihr Bett, zu ihrem Freund, zu ihrem PC?
Ich bin nicht neugierig, ich will wissen, wie die Menschen leben. Nicht, wo sie wohnen, und wie lange sie bleiben. Nein, ich will ihre Geschichte hören.
Über was lachen sie, warum weinen sie, was waren ihre Erlebnisse? Was für Vorwürfe machen sie ihren Eltern, was wollten sie schon immer für ein Kompliment bekommen? Auf wen stehen sie heimlich und was steht auf ihrer Liste, der Dinge, die sich schon immer mal machen wollten? Vor was haben sie Angst und freuen sie sich, wenn sie älter sind? Was sind ihre Erwartungen an andere Menschen und wer spielt die größte Rolle in ihrem Leben? Was würden sie nie tuen und was ist das, was sie am meisten bereuen?
Ich fühle mich, wie ein Maler. Ich zeichne, was ich sehe, aber ich werde nicht wissen, was die steile Falte über der Stirn bedeutet. Erzählt es mir, ich hör zu. 



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