Dienstag, 2. Oktober 2012


Das Auto fährt mit konstanter Geschwindigkeit Richtung Heimat. Fs Eltern sitzen vorne und unterhalten sich, seit ich eingestiegen bin, unterhalten F und ich uns in einer Lautstärke, dass niemand uns hören kann. Wir leben in unserer kleinen Welt, die aus 2 Autositzen, einer Armlehne, Radio Musik und uns besteht. Wir können nichts machen, wir sitzen nur hier, schauen den vorbeifahrenden Autos nach, zählen die Stunden und warten, dass wir wieder zuhause sind. Mein Kopf fällt langsam an Fs Schulter, ich bin so unglaublich müde. Seine Schulter ist unbequem, nach ein paar Gewichsverlagerungen haben wir das auch geregelt. Seine Beine auf meinem Schoß und plötzlich tastet seine Hand nach meiner. Ich schaue ihn ruhig an und ziehe die Augenbrauen hoch „was soll denn das schon wieder?“ er lacht und lässt meine Hand wieder los.
Seine Beine auf meinen Knien, sein Fuß plötzlich zwischen meinen Beinen. Ich versuche die Dinge zu ignorieren. Versuche mir klar zu machen, dass dieser Typ mit jedem schläft, der nicht bei 3 auf dem Baum ist. Versuche mir vor zu singen, dass er eine Freundin hat und dass wir einfach nur wirklich gute Freunde sind. Versuche mir einzureden, dass doch wirklich nichts dabei ist, dass ein guter Freund seinen Fuß an Stellen abgestellt hat, wo man ihn normalerweise nicht hinstellt.
Ich lege meine Beine auf seinen Schoß und seine Hände umschließen wie selbstverständlich meine Schienbeine. Streichen darüber, drücken darauf rum, trommeln den Takt zur Musik. Langsam wird es um uns herum dunkel und die Musik wird lauter. Charts dudeln, Lieder, die ich liebe, Musik, bei der ich gerne mitsinge. Leise summe ich, merke, dass F mich beobachtet. Ich merke, dass er jedes meiner Lächeln sieht und dass er es wahrnimmt, wenn ich meine Stirn runzle. Ich merke, wie er jeden meiner Gesichtszüge zur Kenntnis nimmt und frage mich, was er mit diesen Informationen macht. Ich schaue ihn an, trommle den Takt zur Musik auf seinen Schienbeinen und schaue wieder grinsend nach vorne.
Zwischen uns ist diese Spannung, für die es keinen Namen gibt. Es ist Anziehung und Ablehnung zugleich. Es ist sexuell und doch bloß freundschaftlich. Es ist neckend und doch immer ein bisschen ernst gemeint. Es ist lustig und trotzdem immer wichtig. Wir verstehen uns mit Blicken, wir lachen über die selben Dinge. Die Spannung scheint sich immer mehr auszubreiten, bringt den Raum zum knistern, mich dazu unruhiger und vielleicht ein bisschen lauter zu singen und bringt ihn da zu unablässlich auf meinen Beinen herum zu trommeln. Sie bringt die Luft zwischen uns zum schwingen, bringt uns dazu, die selben Liedstellen mitzusingen. Sie bringt uns dazu, Blicke zu tauschen und zu wissen, was der andere meint. Die Spannung hüllt ihn und mich ein, schafft ein Band zwischen uns, was mich immer näher zu ihm ran zieht. Sie verdeutlicht Nähe und so etwas ähnliches wie Liebe. Freundschaftlich und vielleicht ein bisschen mehr als das. Sie bringt mich dazu, nervös zu lachen und manche seiner Sätze nicht mehr zu verstehen. Und gerade als es fast unerträglich wird, schlafen wir ein. Vielleicht war ich die Erste, vielleicht auch er, aber als ich das nächste mal die Augen auf mache, sind wir fast zuhause, ich hab einen Krampf im Rücken und F schläft immer noch tief und fest.
Ich muss lächeln und denke darüber nach, wie der Abend wohl verlaufen würde, wenn er keine Freundin hätte. Wenn ich nicht viel zu stolz wäre, um ihm zu geben, was er will. Wie der Abend verlaufen würde, wenn nicht sein Dad fahren würde, sondern nur er und ich. Frage mich, wie der Abend wohl aussehen würde, wenn wir nicht beide total müde wären. Wenn wir beide ein bisschen weniger Selbstachtung hätten und ich nicht so vernünftig wäre. Wenn uns die Freundschaft nicht so wichtig wäre und wir wüssten, wo das alles hinführen würde.
Ich weiß es ganz genau, will es aber nicht wahr haben: der Abend würde in meinem Bett enden.
Mein Lieber, wann sind wir so geworden? Wann haben wir die Kontrolle verloren und wann werden wir uns das eingestehen?


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